FAMILIENPOLITIK
von constanze von bullion
Sie ist eine sagenhafte Gestalt, die deutsche Mutter, jedenfalls in ihrer herkömmlichen Variante. Sie liebt ih- re Kinder bedingungslos, nimmt immer das kleinste Kuchenstück, und der kalten Welt des Broterwerbs da draußen setzt sie die Wärme des Heims entgegen. Keine Po- lemik, die Autorin Barbara Vinken hat mal in einem klugen Buch beschrieben, wie sich der Mythos der Mutter als „Engel der Liebe“ in deutschen Köpfen festgesetzt hat – seit Luthers Zeiten. Er hat im Kalten Krieg Karriere gemacht, im Westen Deutschlands wurde die treu sorgende Voll- zeit-Mutter zum Gegenentwurf der ver- meintlich kaltherzigen DDR-Mutter, die ih- re Kinder in der Krippe ablud.
Und heute? Steht das alte Bild der guten Mutter immer noch gesellschaftlicher Er- neuerung im Weg. Alle paar Tage wird jetzt eine trostlose Untersuchung zur Familien- politik vorgelegt. Mal ist es eine Studie, die besagt, dass Väter sich gern mehr um ihre Kinder kümmern würden, dies aber viel zu selten tun, na ja, der Job. Dann wieder be-
stätigen Forscher der Regierung, was viele ohnehin schon wussten, aber meinen, nicht ändern zu können: 200 Milliarden Eu- ro werden jährlich verpulvert, für eine Fa- milienpolitik, die in die Irre läuft.
Auf der einen Seite ist da der Wunsch, El- tern durch Betreuungsangebote zu entlas- ten, Familienzeit und Arbeit gerechter zu verteilen. Auf der anderen Seite will man ei- ne Lebensform sichern, die auf Dauer ange- legt und vertraut ist: die Ehe zwischen Frau und Mann. Das Ehegattensplitting aber sorgt dafür, dass Mütter, gerade bes- ser ausgebildete der Mittelschicht, so lan- ge zu Hause bleiben, dass sie im Büro nicht mehr vermisst werden oder nur noch in Teilzeit arbeiten, fürs halbe Geld.
Die neue Partnerschaft wird am Herd erstritten
Wer je ein Kind geboren hat, weiß, dass die emotionale Nähe, die da im Glücksfall wächst, eine Frau für fast alles entschädi- gen kann: für Verzicht auf Karriere, eige- nes Geld, auch Augenhöhe mit dem Part- ner. Die meisten Frauen entscheiden sich
in dieser Zeit dafür, erst mal beim Kind zu bleiben. Aus dem Erstmal aber wird schnell eine Entscheidung fürs Leben. Die „Wahlfreiheit“ nämlich, die Konservative beschwören, die freie Entscheidung zwi- schen Kita und Erziehung zu Hause, haben Mütter nur ganz kurz. Nach mehr als ei- nem Jahr daheim sind in vielen Jobs Wege nach oben verbaut, bei Dauerteilzeit sowie- so. Kommt es zur Trennung, bleibt Müt- tern, den Engeln der Liebe, oft: Armut. Und die Erkenntnis, dass auch mal jemand an- ders Vokabeln hätte abfragen können.
Frauen in die Produktion, lautet also die Devise, milder ausgedrückt: Frauen, reißt euch früher los von euren Kindern, gerade im Westen der Republik. Eine gute Mutter zeichnet sich nicht durch maximale Prä- senz aus, auch nicht durch den Verzicht darauf, dem Rest der Gesellschaft den eige- nen Grips zur Verfügung zu stellen. Gute El- tern, das sind solche, die ihren Kindern Chancengleichheit in der Partnerschaft vorleben. Auf Hilfe aus der Politik können sie da nicht rechnen, die hat sich verfranst. Die neue Familie wird anderswo erstritten, am Herd. Zeit, endlich damit anzufangen.
Frauen in die Produktion

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