Entnommen der SZ vom 13.03.2014
Maximale Gefahr
von christian sebald

Bedrohlich: Nicht nur in den Weltmeeren, auch in Flüssen und Seen schwimmen millionenfach Plastikteilchen. Foto: Gaizka Iroz/AFP
München – Mikroplastik-Teilchen sind als feinste Fasern Bestandteil von Funktionstextilien. Mikroplastik ist in Form winziger Perlen in vielen Duschgels, Zahnpasta und anderen Kosmetika enthalten. Mikroplastik ist aber auch der letzte, oft nur wenige Millimeter messenden Überrest von allen möglichen Abfällen. Und Mikroplastik ist offenkundig eine große Gefahr für alle Gewässer. „Zwar werden die Teilchen bislang nur als Bedrohung für die Weltmeere gesehen, wo sie oft als gigantische Verklumpungen auf dem Wasser treiben“, sagt Umweltminister Marcel Huber (CSU). „Aber wir haben Hinweise, dass längst auch unsere Flüsse und Seen damit kontaminiert sind.“ Huber will es jetzt genau wissen. An diesem Donnerstag, dem Weltverbrauchertag, startet er in Augsburg zwei Forschungsprojekte über Mikroplastik. Das eine soll klären, welches Ausmaß die Verschmutzung in Bayern bereits erreicht hat. Das andere soll die Gesundheitsgefahren abschätzen, die davon ausgehen können.
In der Donau bei Wien schwimmen mehr Plastikteile als Fischlarven
Es sind verstörende Ergebnisse, die Wissenschaftler zu dem Thema bereits zu Tage gefördert haben. So entdeckten Forscher der Uni Bayreuth, mit denen das Umweltministerium bei dem Projekt kooperiert, dass sich an den Stränden des oberitalienischen Gardasees bereits genauso viele Kunststoffteilchen abgelagert haben wie an verseuchten Meeresstränden. „Dabei ist der Gardasee doch der Inbegriff des sauberen Gebirgssees“, sagt Huber. Auch der Bodensee ist offenbar stark verschmutzt. Österreichische Politiker sprachen unlängst davon, dass bereits 40 Prozent des Seegrunds mit Plastikabfällen bedeckt seien. Aber nicht nur Seen sind betroffen. Gewässerwissenschaftler der Uni Wien wiesen nach, dass in der Donau nahe der österreichischen Hauptstadt mehr Plastikteilchen im Wasser schwimmen als Fischlarven. „Je Liter Wasser sind es 317 Plastikteilchen, aber nur 275 Fischlarven“, sagt Huber. „Pro Tag werden von der Donau schon 4,2 Tonnen Plastikmüll ins Schwarze Meer geschwemmt.“
Die Verschmutzung selbst ist aber nur das eine Problem. Das andere ist die Gefahr, die von ihr ausgeht. Zum einen für die Lebewesen im Wasser. „Würmer, Schnecken, Wasserflöhe und natürlich Fische und Wasservögel verwechseln die Abfälle mit Nahrung und fressen ihn“, sagt Huber. Mitunter mit dramatischen Folgen. Denn die Tiere können sich dabei nicht nur allerlei innere Verletzungen zuziehen. Sie fühlen sich satt, ohne Nahrung aufgenommen zu haben. „Das kann so weit gehen, dass die Tiere an dem Plastikmüll zugrunde gehen“, sagt Huber, „und zwar elend.“
Aber nicht nur das. Über die Nahrungskette kann der Plastikmüll auch in Menschen gelangen, ohne dass die Betroffenen davon wissen. Und ihnen sehr schaden. Denn Mikroplastik enthält sehr oft Weichmacher und andere chemische Substanzen, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein oder das Erbgut zu schädigen. „Da müssen wir in der Forschung und natürlich auch in der Prävention unbedingt weiterkommen“, sagt der Minister. „Deshalb sind die Gesundheitsrisiken ebenfalls das Teil unseres Forschungsprogramms.“
Beim Verbraucher Service Bayern, der Verbraucherorganisation des Katholischen Frauenbunds, wollen sie es nicht bei Forschung und Aufklärung belassen. Sie starten am diesjährigen Weltverbrauchertag eine Unterschriftenaktion. Ihr Ziel ist ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika, Kleidung und anderen Produkten. „Der Einsatz von Mikroplastik in Alltagsprodukten ist eine unnötige Umweltbelastung“, sagt Verbandschefin Juliana Daum.

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