Die Welt ist nicht genug
von michael bauchmüller
Zum Beispiel Phosphor. Der mensch- liche Körper braucht es, die Land- wirtschaft auch: Als Dünger ist Phos- phor unverzichtbar. Zu dumm, dass die globalen Vorkommen begrenzt sind, künstlich herstellen lässt er sich nicht. Die Forscher streiten, ob der Höhepunkt der Förderung seit Jahren überschritten ist oder bald bevorsteht. Klar ist nur, dass die Welt in einen gefährlichen Phosphor- Engpass steuert. Das nur mal als Beispiel.
Denn eng wird es allenthalben: bei brauchbaren Böden, bei Rohstoffen, in den Weltmeeren, bei sauberem Wasser und der Vielfalt von Tier- und Pflanzenar- ten. Seit einem guten Jahrhundert haust die Menschheit, oder zumindest ihr wohl- habender Teil, wie ein Lotto-Millionär, der jedes Maß verloren hat – und irgend- wann verdutzt feststellen muss, dass al- les Geld weg ist. Mit dem Unterschied, dass es an Wissen um die Folgen des Raub- baus nicht mangelt; dass es oftmals auch an Alternativen nicht fehlt, sei es eine sorgsame Landwirtschaft, der Aufbau von Rohstoff-Kreisläufen oder schlicht er- neuerbare Energie. Nur lebt es sich so be- quem, wenn alles weitergeht wie gehabt.
Es geht um mehr als Kohle und CO2 – es geht um globales Maßhalten. Überall
Nirgends lässt sich der Zusammen- hang zwischen aktuellem Wachstum und künftigen Problemen so eindrucksvoll ab- lesen wie am Klimawandel. Bis zum heuti- gen Tage beruht das Erfolgsmodell alter wie neuer Wirtschaftsmächte in erster Li- nie auf der Verbrennung fossiler Rohstof- fe. Ungeachtet aller Erkenntnisse über den Zusammenhang von Kohlendioxid und Klimawandel, ungeachtet aller Be- kenntnisse zur Umkehr – und auch unge- achtet aller Alternativen zu fossiler Ener- gie. Bei der Ausbeutung begrenzter Res- sourcen steckt keiner gern zurück. Sonst könnten ja andere danach greifen.
Umso bemerkenswerter sind die jüngs- ten Signale aus den Vereinigten Staaten. Traditionell eher unbekümmert im Um- gang mit begrenzten Ressourcen, will die amerikanische Umweltbehörde EPA erst- mals die Emissionen der Kraftwerke sen- ken – zwangsweise. Vor allem ältere Koh- lekraftwerke dürften den neuen Regeln zum Opfer fallen, die Chancen für er- neuerbare Energien steigen. Derweil schwingt sich Präsident Barack Obama ge- gen Ende seiner Amtszeit doch noch zum
Kämpfer für den Klimaschutz auf. Auch aus China kommen vorsichtige Signale der Umkehr. „So schnell wir können“ wol- le sein Land die Treibhausgas-Emissio- nen senken, erklärte dieser Tage Pekings Chefunterhändler Xie Zhenhua bei einer Klimakonferenz in Bonn. Die USA und Chi- na – gerade jene beiden Länder, die bis- lang zuverlässig jeden Fortschritt im glo- balen Klimaschutz vereitelten.
Klimapolitik ist mehr als Kohle und CO2 , sie ist auch mehr als nur der Kampf gegen die Erderwärmung. Sie ist die gro- ße Schwester aller Probleme, derer sich die Staaten nur gemeinsam annehmen können, sei es der drohende Phosphor- Mangel, die Überfischung der Weltmeere oder das Verschwinden von Arten. Stets geht es um die Bereicherung gegenwärti- ger Generationen auf Kosten der folgen- den, stets treffen die Folgen die Ärmsten zuerst. Immer auch trägt die Lösung – ei- ne Art globales Maßhalten – ihr Scheitern schon in sich: Halten sich ein paar Staaten nicht an die Regeln, weil sie auf Kosten al- ler anderen an ihrem Wachstumsmodell festhalten wollen, dann bricht jede Verein- barung in sich zusammen. Klimapolitik ist damit nicht weniger als der Test dar- auf, ob sich die Welt selber Grenzen set- zen kann – ehe sie schmerzhaft an Gren- zen stößt. Unter denen der Klimawandel eine besonders schmerzhafte sein wird.
Die jüngsten Signale aus Washington und Peking machen Hoffnung, dass eine globale Antwort doch noch möglich wird. Zu geben wäre sie Ende 2015 in Paris. Dort wollen die Staaten ein neues Klimaabkom- men verabschieden – jenes Abkommen, das 2009 in Kopenhagen so grandios scheiterte. Zu geben wäre eine solche Ant- wort aber auch in New York, wo die Staa- ten im nächsten Jahr neue Ziele für Ent- wicklung und Nachhaltigkeit festzurren wollen. Schließlich laufen dann die Millen- niumsziele aus, die sich die Vereinten Nati- onen 2000 gegeben haben. 2015 könnte damit zu jenem Jahr werden, in dem sich die Zukunft globaler Gerechtigkeit ein Stück weit entscheidet – zwischen den Ge- nerationen, aber auch zwischen den Kon- tinenten, zwischen Arm und Reich.
Wie diese Entscheidung ausgeht, ist völlig offen. Nicht offen ist hingegen, wo- hin eine Welt steuert, die keine gemeinsa- men Mechanismen und Instrumente für den Umgang mit ihrer eigenen Begrenzt- heit entwickelt. Dann hinterlässt, zumal bei einer wachsenden Weltbevölkerung, jede Generation ihren Kindern und En- keln etwas weniger, als sie selbst vorfand. Und irgendwann, wie beim maßlosen Mil- lionär, ist einfach nichts mehr da.

Advertisements