von sebastian beck
Mal angenommen, es gäbe eine Maismaus, einen Blauen Maisvogel, einen Maishasen. Oder eine Maisfeldlerche. Dann wäre dieser Sommer für sie ein Paradiessommer. Übermannshoch, mit Unkrautvernichter und Kunstdünger großgezogen, wuchern sie ins Land hinein, die Plantagen bayerischer Maisbauern. Immer näher schieben sie sich an den Alpenrand, wo bis vor ein paar Jahren noch Kühe auf den Weiden dösten. Hätten Franz Marc und Wassily Kandinsky nicht vor hun- dert Jahren, sondern 2014 im Kochler Moos gemalt, dann würden Maisfelder und Industrieställe ihre Bilder zieren.
Mehr als ein Viertel der bayerischen Äcker sind inzwischen mit Mais be- deckt. In diesem Jahr wuchs die Anbau- fläche noch einmal um 4,7 Prozent, wie Landwirtschaftsminister Helmut Brunner kürzlich mitteilte. Mancherorts kommt man sich inzwischen vor wie in einem riesigen Maislabyrinth.
Naturschützer reißen Riesen-Bären- klau und Indisches Springkraut heraus, weil sie in ihnen schädliche Eindringlinge sehen. Aber Invasoren wie diese sind harmlos im Vergleich zum Mais, dessen Anbau auch noch gefördert wird, obwohl er die Böden zerstört und Ressourcen frisst. Ihre Ernte schmeißen die Bauern ineffizienten Biogasanlagen und Mastvieh vor. Nur ein Bruchteil landet direkt auf den Tellern der Menschen. Dabei ge- hört Zuckermais zu den gesündesten Nahrungsmitteln.
Insofern ist ein Ausflug in die Maiskulturlandschaft lehrreich: Er führt vor Au- gen, dass aus Bauern Zulieferer der Energieindustrie geworden sind. Und er zeigt: Billiges Fleisch und billige Milch haben einen zweiten Preis, der im Super- markt so nicht auf dem Etikett steht. Die Tierhaltung ist eben auch nur ein Industriezweig. Nur mit dem Unterschied, dass die hundert Meter langen Produktionshallen Ställe heißen und deshalb auf freier Flur gebaut werden dürfen – und nicht ins Gewerbegebiet müssen.
Im Maiswald fragt man sich auch: Will das Landwirtschaftsministerium tatsächlich, dass auf einem Viertel der Ackerfläche nur noch eine Pflanzenart wächst? Dann wäre das Ministerium eine Gefahr fürs Mensch und Tier. Oder kann es diese Entwicklung bloß nicht verhindern? Dann wäre es überflüssig.

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