Mehr als 94 000 Bürger haben sich mittlerweile der Online-Petition von Fabian Lehner gegen den Verpackungsmüll der Post angeschlossen. Foto: Walter Geiring/dpa
Simbach am Inn – Fabian Lehner gehört zu den Menschen, die sich am gesellschaftlichen Leben lieber beteiligen, anstatt nur zuzuschauen: Er interessiert sich für Musik und Sport, engagiert sich in Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr, für die SPD kandidierte der 19-Jährige sogar als Stadtrat in seiner Heimat Simbach am Inn, einer niederbayerischen Kleinstadt an der Grenze zu Österreich. Wenn ihn etwas aufregt, etwa vorsätzliche Umweltverschmutzung, versteht er seine Bedenken klar zu artikulieren. Doch ein Öko-Freak sei er bestimmt nicht, sagt Lehner. Schon eher ist er das derzeit größte personifizierte Imageproblem der Deutschen Post AG.
Ein Tag, an dem sich Lehner besonders aufregen musste, war dieses Jahr im Mai. In seinem Briefkasten fand er eine Ausgabe von „Einkauf Aktuell“, ein Konvolut von Fernsehzeitschrift und regionalen Werbebroschüren. Bis zu 20,77 Millionen Haushalte erreiche man mit diesen Heften, verkündet der Vertreiber Deutsche Post auf seiner Internetseite. Das entspricht nahezu der Hälfte aller deutschen Haushalte. Und alle Prospekte sind von einer Kunststofffolie umhüllt – bundesweit insgesamt mehr als eine Milliarde Stück im Jahr.
„Eine Milliarde unnötige Plastiktüten“, das ließ Lehner keine Ruhe. Über die Deutsche Umwelthilfe fand er heraus, wie viel Müll daraus entsteht: 2886 Tonnen Folien, die jährliche Menge an Kunststoffverpackungen von 83 000 Bürgern. Was Lehner besonders missfällt: Aus Gesprächen mit einer Entsorgungsfirma weiß er, dass die Prospekte oft ungeöffnet mitsamt Folie in der Papiertonne landen. Der Kunststoff wandere als Fremdkörper in die Verbrennungsanlage, „kein Recycling, die Rohstoffe werden einfach verbrannt“. Lehner entschloss sich, etwas zu unternehmen.
Als gelerntem Programmierer fiel es ihm nicht schwer, eine Online-Petition zu starten. Mit seiner Forderung an die Deutsche Post, „Einkauf Aktuell“ künftig ohne Kunststoffverpackung zu verteilen, traf er einen Nerv: Nach drei Tagen hatten sich bereits 5000 Befürworter angeschlossen, eine Anfrage an die Post brachte ihm damals noch eine Standardantwort vom Kundenservice ein. Doch der Druck stieg: Nach zehn Tagen waren es 20 000 Unterstützer, nach einem Monat 50 000, Ende Juli empfing ihn die Deutsche Post zur Übergabe der Unterschriften in Nürnberg. Ein herzlicher Empfang sei es nicht gewesen.
Weil kein Besprechungsraum zur Verfügung gestanden habe, fand das Treffen an einem Stehtisch im Flur statt. Nach 15 Minuten sei alles vorbei gewesen, erinnert sich Lehner. Über die Verpackung habe niemand mit ihm reden wollen. Das hat sich inzwischen geändert. Medien beschrieben Lehner als David im Kampf gegen Goliath, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sicherte ihm bei einem Empfang in Bonn ihre Sympathie zu. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Online-Unterstützer bis heute auf mehr als 94 000 an.
Ein Sprecher der Deutschen Post sagt, man respektiere Lehners Engagement, es sei beruhigend, wenn sich junge Menschen um die Umwelt kümmerten. Man verstehe aber nicht, weshalb er ausgerechnet „Einkauf Aktuell“ für sich entdeckt habe. Die verwendete Folie – dreimal dünner als ein menschliches Haar – stelle die derzeit umweltfreundlichste Verpackung dar. Darauf zu verzichten und die Prospekte feucht oder verschmutzt zuzustellen, sei aufgrund der Kundenwünsche nicht möglich. Die Post sei aber gerne bereit, sich mit Lehner und Fachleuten an einem Runden Tisch zu besprechen, die Terminsuche laufe bereits. Man sei offen für Vorschläge.
Einer von Lehners Tipps lautet, die Prospekte einfach wieder in die Postbriefkästen zurückzuwerfen. „Dann hört sich das ganz schnell auf, wenn die Post die Kosten für die Entsorgung tragen muss.“ Er hofft, dass der Branchen-Gigant zu einer umweltverträglichen Lösung findet – und kleinere Unternehmen dem Beispiel folgen. Bis dahin wird Fabian Lehner weiter täglich eineinhalb Stunden mit seiner Online-Petition beschäftigt sein, das Obst und Gemüse unbeeindruckt von jeder Werbung mit einer Stofftasche am Wochenmarkt einkaufen und munter am Image der Deutschen Post kratzen.

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