Nadeschda scharfenberg
entnommen SZ vom 12.03.2016

Es ist eines dieser Wochenenden, an
denen man denkt: Vielleicht wäre
man doch lieber kein Bürger des
Freistaats Bayern. Man darf das nicht zu
laut sagen, sonst kommen Leute, die
noch lauter sagen, dass Bayern doch alles
hat, was der Mensch zum Glücklichsein
braucht. Fürjeden Buchstaben des Alpha-
bets fallen einem bestimmt zehn Orte
ein, an denen man am Wochenende ger-
ne wäre, Allgäu, Buxheimer Chorgestühl,
Chiemsee, Donaudurchbruch, Erdinger
Therme und so weiter, bis zur Zugspitze.
Es gibt aber einen Ort, an dem man noch
lieber wäre: eine Wahlkabine in Baden-
Württemberg. Oder in Rheinland-Pfalz.
Oder in Sachsen-Anhalt.
Bayern hat nicht nur das Allgäu, das
Buxheimer Chorgestühl, den Chiemsee
und so weiter, sondern auch die CSU. Und
zwar immer. Egal, was passiert. Ob sich
Landtagsabgeordnete schamlos aus der
Staatskasse bedienen, ob dem Gymnasi-
um holterdipolter ein Jahr abgehackt
wird, ob beimRauchverbot solang rumge-
wurschtelt wird, bis keiner mehr weiß,
was gilt – am Wahlabend ist trotzdem der
schwarze Balken der längste. Und zwar
mit Abstand. Selbst als die CSU 2008 bei
der Landtagswahl 17 Prozentpunkte ver-
lor, war der schwarze Balken noch mehr
als doppelt so lang wie der rote Balken.
„Krachende Niederlage“ hieß es damals.
Bei 43 Prozent. Nurweileinelängstmargi-
nalisierte Partei mal für fünf Jahre mit an
den Kabinettstisch durfte. Für Nicht-im-
mer-schon-Bayern war die Riesenaufre-
gung eher was zum Kopfschütteln.
DerWechsel ist der wichtigste Wesens-
zug der Demokratie, dassmal der ran darf
und dann der nächste.Manchmal sind die
einen sehrlange dran,inBaden-Württem-
berg hat es 58 Jahre gedauert, bis die CDU
aus derRegierung flog. Undin Rheinland-
Pfalz sitzt die SPD seit 25 Jahren am Ru-
der.Dort wirdes ganzeng an diesem Sonn-
tag. In Bayern wird es nie eng. Weil: Mia
san mia und mia war’n scho immer mia.
Anders lässt sich das nicht erklären.
Mal in der Wahlkabine stehen mit die-
sem Hochgefühl, dass das eigene Kreuz
entscheidendist, ob der eine Balken einen
Millimeter länger ist oder der andere?
Malzitternd amWahlabend vor dem Fern-
seher sitzen und von Adrenalin geflutet
werden, wenn der Gong die erste Hoch-
rechnung ankündigt? In Bayern unvor-
stellbar. Wie schade.

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